Von Professor Tony Attwood und Dr. Michelle Garnett, Übersetzung – ProZ-Probono-Network & Sigrid Andersen
„Hilfe! In meiner Klasse mit 30 Schulkindern habe ich drei autistische Schulkinder. Wie kann ich sie unterrichten, ohne dass es sich negativ auf die Bildung und das Engagement für meine anderen Schulkinder auswirkt?“
„Ich brauche Hilfe bei der Bewältigung von lautem und unhöflichem Verhalten in meinem Klassenzimmer. Es kommt jeden Tag vor und artet langsam wirklich aus. Was soll ich tun?“
„Ein Kind in meinem Zimmer beißt andere Kinder. Wie kann ich diesem Kind helfen, dieses Verhalten abzulegen?“
„Mein autistischer Schüler provoziert die anderen Schulkinder, weil sie heftig auf diese Provokationen reagieren. Das macht ihm große Freude. Was kann ich tun?“
„Wie kann ich mein Schulkind unterstützen, wenn es Bewegung benötigt, um sich zu konzentrieren, aber den Rest der Klasse nicht ablenken soll?“
„Sie scheint den Gleichaltrigen in Mathematik und Zeichnen weit voraus, hinkt sozial und emotional aber weit hinterher. Auf welchem Niveau soll ich mit ihr interagieren und sie unterrichten?"
Diese Fragen verdeutlichen, dass es eine große Herausforderung sein kann, autistische Schulkinder in einer Regelklasse zu haben, in der alle Schulkinder unterschiedliche Bedürfnisse haben, aber oft nur wenige Ressourcen zur Verfügung stehen. Zudem erleben viele Lehrkräfte nach ihrer Grundausbildung, dass sie auf Schulkinder mit Autismus unzureichend vorbereitet sind. Das führt zu größerem Stress bei den Lehrkräften und Ängsten in Bezug auf den vor ihnen liegenden Schultag. Häufig bemerken sie auch, dass sie die Situation nicht wirklich verstehen und wenig Unterstützung innerhalb des Schulsystems erhalten, was zu Erschöpfung und schließlich zu Burnout führen kann.
Wir haben festgestellt, dass es mindestens sechs Monate dauert, um ein autistisches Schulkind kennenzulernen, und dass durch dieses bessere Kennenlernen auch viele der oben genannten Fragen beantwortet werden können. Tatsächlich ist Wissen über Autismus und wie sich Autismus bei Ihren autistischen Schulkindern manifestiert genauso wichtig, wie diesen Schulkindern neugierig, offen und respektvoll zu begegnen. Nur so ist ein erfolgreicher Austausch mit Ihren autistischen Schulkindern möglich. Die Tatsache, dass Sie Fragen stellen und diesen Blogbeitrag lesen, zeigt, dass genau das bei Ihnen bereits der Fall ist oder Sie auf dem richtigen Weg sind.
In diesem Blogbeitrag teilen wir unsere zehn erfolgreichsten Strategien mit Ihnen, um Sie im Unterricht mit ihren autistischen Schulkindern zu unterstützen.
Die zehn erfolgreichsten Strategien für das Unterrichten von autistischen Schulkindern
Erfahren Sie mehr über Autismus. Autistische Menschen zu verstehen, hilft Ihnen, das Verhalten Ihrer autistischen Schulkinder zu begreifen. Wenn Sie beispielsweise autistische Verhaltensweisen an den Tag legen, ist dies häufig auf Verwirrung in sozialen Situationen, sensorische Überlastung oder beides zurückzuführen. Indem Verwirrung und Überlastung reduziert werden, verbessert sich meist auch das Verhalten rasch. Wir empfehlen Ihnen, unseren Blogbeitrag Was ist hochfunktionaler Autismus? zu lesen.
Lernen Sie Ihr autistisches Schulkind besser kennen. Es gibt ein Sprichwort, das besagt: „Wenn Sie eine autistische Person kennen, dann kennen Sie eben genau eine autistische Person.“ Die Autismus-Gemeinschaft ist mit anderen Worten eine sehr heterogene Gruppe, und es ist wichtig, das einzigartige Profil Ihres autistischen Schulkindes zu verstehen. Bitten Sie sowohl Eltern als auch ehemalige Lehrkräfte darum, Ihnen eine kurze Einschätzung zum Kind zu geben.
Stellen Sie Ihren Schulkindern zu folgenden Punkten Fragen:
Begegnen Sie Ihrem autistischen Schulkind mit Mitgefühl und Respekt. In einer Welt voller nicht-autistischer Menschen ist es schwierig, autistisch zu sein. Sie stehen täglich vor der Herausforderung, zu erkennen, wie andere Menschen denken und sich verhalten. Freundschaften knüpfen und pflegen ist besonders schwierig, ganz zu schweigen von den vielen sensorischen Erfahrungen, mit denen sie regelrecht bombardiert werden. Und natürlich frustrieren auch die eigenen Schwierigkeiten bei der Initiierung von Aufgaben und deren Abschluss, die fehlende Zeit für Spezialinteressen und das Unverständnis, warum sie sich so anders fühlen als andere Menschen, zu dem häufig auch der Eindruck von Bewertung und sozialer Ablehnung entsteht. Und das sind nur einige der Probleme, mit denen autistische Menschen kämpfen. Indem wir mehr Mitgefühl und Respekt für unsere autistischen Schulkinder aufbringen, werden wir auch motivierter, engagierter und zielgerichteter und können sie so besser unterstützen. Und genau das brauchen sie am allermeisten – unsere Hilfe und Unterstützung.
Holen Sie sich Hilfe. Das beste Bildungsmodell, das wir gesehen haben, ist eine spezielle Bedarfseinheit innerhalb Regelschule, in der die Lehrkräfte sich über verschiedene Herausforderungen und Themen beim Unterrichten von autistischen Schulkindern mit anderen Lehrkräften, die speziell im Bereich Autismus geschult sind, beraten können. Ist dieses Fachwissen an Ihrer Schule nicht verfügbar, sollten Sie mit der Schulleitung darüber sprechen, wie dieses Wissen dauerhaft für Sie zugänglich gemacht werden kann.
5. Bilden Sie sich gezielt weiter
Wenn Sie wirklich interessiert sind, können Sie Workshops zum Thema Autismus besuchen, einer Selbsthilfegruppe beitreten oder relevante Bücher lesen (einige Personen engagieren sich ihr ganzes Leben lang sehr leidenschaftlich für mehr Verständnis und Hilfe für autistische Menschen mit Autismus. Wir nennen es „das Veränderungsfieber“ – z. B. die Verfassenden und Übersetzenden dieses Blogs!). Hier eine Liste an hilfreichen Ressourcen:
Schulungen:
Bücher:
Sobald Sie das sensorische Profil des autistischen Schulkindes in Ihrer Klasse kennen (Anmerkung der Übersetzerin: siehe Tools = > Fragebögen Hyper-/Hyposensibilität und Interozeption & Alexithymie), können Sie unter Berücksichtigung dieses sensorischen Profils die erforderlichen Maßnahmen ergreifen, um sicherzustellen, dass Ihr Klassenzimmer so „autismusfreundlich“ wie möglich ist. Stellen Sie allen Schulkindern Stimming-Spielzeug zur Verfügung. Im Laufe der Zeit werden diejenigen, die sie wirklich brauchen, auch regelmäßig verwenden. Für die anderen werden sie meist rasch uninteressant. Auch viele nicht-autistische Kinder werden davon profitieren!
Richten Sie einen sicheren Raum ein, der entweder in einem separaten Raum, einem separaten Gebäude oder einer Ecke des Klassenzimmers ist. Einen geschützten Ort für Rückzug und Erholung (Anmerkung der Übersetzerin: Es kann sich beispielsweise auch um ein Zelt oder eine „Höhle“ mit Decken handeln). Lassen Sie alle Schulkinder wissen, dass sie sich immer dorthin zurückziehen können, wenn sie eine Auszeit brauchen, sich beruhigen oder sich besser konzentrieren möchten. Es ist wichtig, dass alle Schulkinder verstehen, dass dieser Ort ein ruhiger und angenehmer Ort ist, kein „Bestrafungsraum“. Zudem muss es für diesen Ort Regeln geben. Beispielsweise sollte dort so wenig wie möglich gesprochen werden, und es sollte immer nur eine Person diesen Rückzugsort nutzen.
Sprechen Sie regelmäßig mit den Eltern (Betreuenden oder Großeltern). Vereinbaren Sie zu Beginn jedes Semesters einen Termin, bei dem Sie besprechen, wie die Ferien waren, wie das letzte Semester gelaufen ist, was funktioniert hat und was nicht funktioniert hat. So können Sie einen Plan für das kommende Semester erstellen. Im Laufe und gegen Ende des Semesters können Sie dann weitere Treffen vereinbaren, um zu überprüfen, was funktioniert hat und was nicht. Finden Sie heraus, warum etwas nicht funktioniert hat und wie man es verbessern könnte, um so bereits einen Plan für das nächste Semester erstellen zu können.
Stellen Sie sich darauf ein, flexibel zu agieren. Autistische Kinder benötigen Flexibilität – kreative und flexible Problemlösungen für ihre eigene einzigartige Situation und einzigartigen Bedürfnisse.
10. Schaffen Sie Inklusion.
Entwerfen Sie einen inklusiven Klassenraum, in dem Vielfalt erkannt und willkommen geheißen wird, Respekt und Fehler erwartet und Regeln gemeinsam beschlossen werden. Einen Klassenraum, in dem alle dafür verantwortlich sind, dass die Regeln eingehalten werden. Einen Klassenraum, in dem Werte transparent vermittelt und besprochen werden. Die Schulkinder sollten erkennen, dass sie wirklich sie selbst sein dürfen. Sie sollten zudem die Verhaltensparameter und mögliche Konsequenzen für ihr Verhalten verstehen. Sorgen Sie dafür, dass Ihre Schulkinder auf der Grundlage ihrer individuellen Stärken und Herausforderungen – einschließlich akademischer, künstlerischer, sozialer und emotionaler Aspekte – Beziehungen zu Menschen mit Mentoren- oder Vorbildrollen aufbauen.
Das Unterrichten von autistischen Schulkindern kann anfangs recht überwältigend wirken. Indem Sie aber mehr über Autismus allgemein und über Ihre Schulkinder lernen, den Schulkindern in ihrer Einzigartigkeit mit Respekt und Akzeptanz begegnen und sich Hilfe holen, sind Sie auf dem besten Weg, eine Lernerfahrung zu bieten, mit der sich Ihre autistischen Schulkinder wohlfühlen und erfolgreich durch den Schulalltag gehen.
Quellen:
Mit freundlicher Genehmigung von Prof. Tony Attwood und Dr. Michelle Garnett: https://attwoodandgarnettevents.com/category/attwood-and-garnett-blog/