Von Professor Tony Attwood und Dr. Michelle Garnett, Übersetzung Sigrid Andersen
Trauma hat viele Formen. Die Diagnosekriterien für PTBS (posttraumatische Belastungsstörung) besagen, dass Traumata durch das Erleben von Katastrophenereignissen wie Krieg, Überfälle, Naturkatastrophen, Nahtoderlebnisse und schwere Unfälle verursacht werden. Traumata können aber auch durch weitaus weniger dramatische Erlebnisse entstehen und sind nicht immer an Katastrophenereignisse geknüpft. Wenn eine Person eine Überforderung durch negative Ereignisse erlebt, können Traumata entstehen. Besonders dann, wenn sie diese Ereignisse immer wieder erlebt. Entscheidende Faktoren sind die Wahrnehmung und Reaktion der Person auf ein einzelnes oder wiederholtes Ereignis.
Autistische Menschen sind aufgrund von verstärktem Stress und großer Angst besonders gefährdet in Bezug auf traumatische Erlebnisse, was zu ständiger Alarmbereitschaft, wenig Resilienz und starken emotionalen Reaktionen führen kann. Auch die charakteristischen Autismusmerkmale haben Einfluss darauf, welche Ereignisse als traumatisch wahrgenommen werden. Dies betrifft beispielsweise soziale Ablehnung, Gaslighting (eine Form der psychischen Gewalt), Stigmatisierung und sensorische Hypersensibilität.
Traumasymptome
Traumasymptome sind z. B. unfreiwillig auftretende Gedanken und Bilder (Flashbacks), die durch einen Auslöser oder eine Erinnerung an ein traumatisches Ereignis hervorgerufen werden, sowie die daraus resultierende Angst, Wut und Verzweiflung. Trauma kann den Schlaf beeinträchtigen und zu Schlaflosigkeit und Albträumen führen. Psychologisch gesehen führt ein Trauma zu geringem Selbstwertgefühl, Depressionen, Konzentrationsschwierigkeiten, Misstrauen, emotionalem Rückzug sowie dissoziativen Störungen.
Dabei treten die Traumasymptome nicht immer gleich stark auf. Eine Zeit lang geht es der Person gut, dann wieder erlebt sie Krisen. Bei komplexem Trauma kommen zu den oben beschriebenen, fundamentalen PTBS-Symptomen noch eine Reihe anderer Probleme wie ein negatives Selbstbild, Schwierigkeiten bei der Regulierung von Emotionen und Schwierigkeiten beim Pflegen von Beziehungen hinzu.
Der Internationale Trauma Questionnaire – deutsche Version: https://www.psychologie.uzh.ch/dam/jcr:ad66be44-4cd9-44c3-9911-488253de04cc/ITQ%20Deutsch%20Fragebogen%20final_21.pdf
The Interactive Trauma Scale (Hoover & Romero, 2019) als App für autistische Kinder im Alter von 8 bis 14 Jahren (derzeit leider nur auf Englisch verfügbar). Es gibt acht Punkte zur Traumabelastung:
Zu den Symptomen gehören:
Diese Instrumente sind für Fachkräfte auf den Gebieten Therapie und Forschung, die sich mit Autismus und Trauma beschäftigen, aber auch für Familien, die befürchten, dass ihr Kind traumatisiert ist, von großem Nutzen.
Häufigkeit von Trauma bei Autismus
Eine Studie von Rumball et al. (2020) ergab, dass bis zu 35 % der befragten, autistischen Menschen Ereignisse erlebt haben, die traumatisierend waren, aber nicht unter die offiziellen Diagnosekriterien fallen. Das häufigste, nicht offizielle Diagnosekriterium war Mobbing. Eine Studie von Haruvi-Lamdan et al. (2020) ermittelte, dass 32 % der autistischen Teilnehmenden an PTBS-Symptomen litten. Bei den nicht-autistischen Teilnehmenden waren es lediglich 4 %. Diese Studie bestätigte auch unsere Erfahrung aus der Therapie. Traumatische Ereignisse verstärken autistische Merkmale – sozialer Rückzug, beharren auf starre Routineabläufe, Schwierigkeiten beim Kontrollieren der Emotionen, Gedankenspiralen und sensorische Hypersensibilität – außerdem zusätzlich. Eine jüngste Studie ergab, dass 68,9 % der autistischen Kinder eine PTBS- oder Missbrauchsdiagnose bzw. -verdachtsdiagnose haben (Dahiyal et al., 2024).
Für autistische Menschen traumatische Erlebnisse
Mobbing, psychischer und emotionaler Missbrauch
Es liegen mittlerweile Forschungsergebnisse zu möglicherweise traumatischen Erlebnissen für autistische Kinder und Erwachsene vor (Kerns et al., 2022). Die Studie ergab, dass autistische Kinder und Erwachsene die klassischen Traumata wie körperlichen, sexuellen und emotionalen Missbrauch, Vernachlässigung, schwere Verletzungen und Krankheiten sowie Mobbing im Vergleich zu nicht-autistischen Kindern überdurchschnittlich häufig erleben. Die Anzahl der erlebten traumatischen Erlebnisse lag zwischen 3 und 17 Erlebnissen. Die am häufigsten genannten traumatischen Erlebnisse waren: Mobbing, körperlicher Missbrauch, emotionaler Missbrauch und „andere Traumata“.
„Andere Traumata“
Alle Studienteilnehmenden beschrieben bei der Befragung traumatische Erlebnisse, die nicht durch die standardisierten Trauma-Diagnoseinstrumente erfasst wurden, also „andere Traumata“. Die wissenschaftlichen Fachkräfte versuchten daraufhin, zu verstehen, worin diese „anderen Traumata“ genau bestanden. Es kristallisierten sich drei zentrale Themen heraus:
– Gefühl des Gefangenseins, mit den drei Subkategorien körperliche Einschränkungen, einschließlich des Einsatzes von Beruhigungsmitteln, Verlust der Autonomie und übermäßige Überwachung und verpasste Chancen wie der Entzug von Lernmöglichkeiten
– Soziale Ausgrenzung, wie ständiges Mobbing, das Gefühl, „wie ein Alien“ behandelt zu werden, ohne zu verstehen, warum, sowie das Erleben von Stigmatisierung und Diskriminierung
– Gefühl, verraten worden zu sein
Eine zuvor durchgeführte Studie von Kerns et al. (2015) identifizierte bei autistischen Personen, besonders in der Kindheit, das Gefühl der Marginalisierung und Ausgrenzung als möglicherweise traumatisch. Die meisten Teilnehmenden berichteten von wiederholten traumatischen Vorfällen. Die wissenschaftlichen Fachkräfte vermuten, dass diese Formen der Traumatisierung bislang unzureichend erforschte Faktoren für die psychische Gesundheit von autistischen Personen darstellen könnten.
Sensorische Hypersensibilität und Trauma
Eine außergewöhnliche sensorische Hypersensibilität ist eines der Hauptmerkmale von Autismus. Sensorische Reize, die für neurotypische Menschen nicht belastend sind, können für autistische Menschen extrem schmerzhaft sein. Das kann beispielsweise plötzliche, laute Geräusche wie Hundegebell oder Niesen, bestimmte anhaltende Geräusche wie Händetrockner oder Staubsauger, grelles Sonnenlicht, spezifische Gerüche und Berührungen betreffen. Diese Reize treten im Alltag häufig auf, aber Eltern, Lehrpersonen und Vorgesetzte neigen oft dazu, die Erfahrung der Betroffenen herunterzuspielen, indem sie sagen: „Ignoriere es doch einfach, du wirst dich daran gewöhnen.“ Leider ist das nicht der Fall. Wiederholte Exposition verringert den erlebten Stress nicht. Die notwendigen Anpassungen in der Umgebung erfolgen nicht. Diese sensorischen Schmerzen können für autistische Menschen traumatisch sein.
Trauma- und PTBS-Risiko bei Autismus
Kerns et al. (2015) bestätigte, dass sich Autismus und Trauma gegenseitig verstärken können. Eine aktuelle Literaturübersicht von Bernier et al. (2024), die sich mit der Überlappung von Autismus und Trauma beschäftigte, verdeutlicht die komplexen Wechselwirkungen zwischen traumatischen Ereignissen, traumabedingten Symptomen und autismusbezogenen Verhaltensweisen. Insgesamt zeigten die Ergebnisse, dass die Risikofaktoren für Autismus und stereotyp-autistische Verhaltensweisen die Anfälligkeit für Trauma erhöhen.
Eine Studie von Lim and Young (2024) identifizierte vier Punkte, in denen Autismus und Trauma einander beeinflussen:
Insgesamt gesehen können wir nun bestätigen, dass Trauma die autismustypischen Merkmale verstärken kann.
Traumatherapie bei autistischen Menschen
Es gibt hauptsächlich zwei Behandlungsansätze für autistische Kinder, die ein Trauma erlebt haben: Traumafokussierte kognitive Verhaltenstherapie (CBT): Bei dieser Therapie geht es um das Regulieren von Emotionen, sanfte, schrittweise Expositionstherapie, kognitive Verarbeitung, die Erstellung eines Sicherheitsplans sowie die Generalisierung und Beibehaltung dieser Strategie (Andrzejewskil et al., 2024; Stack & Lucyshyn, 2019). EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing – Desensibilisierung und Verarbeitung durch Augenbewegung): Diese Methode war erfolgreich in der Behandlung von Traumata bei autistischen Erwachsenen (Lobregt-van Buuren et al., 2019) und wurde auch mit Anpassungen an die autistischen Merkmale bei autistischen Kindern angewendet (Clarke & Darker Smith, 2024; Van Diest & Marguerite, 2022).
Quellen
Mit freundlicher Genehmigung von Prof. Tony Attwood und Dr. Michelle Garnett: https://attwoodandgarnettevents.com/category/attwood-and-garnett-blog/
Andrzejewskil et al 2024) Examining Therapeutic Alliance Among Autistic Youth and Their Caregivers throughout Trauma-Focused Cognitive Behavioral Therapy. Paper presented at INSAR, Melbourne, May 2024
Berkowitz, (2022). Autism, 26(8), 1987-1998
Bernier et al. (2024). The Intersection Between Autism and Trauma. Paper presented at INSAR, Melbourne, May 2024
Cappadocia et al. (2012) Journal of Autism and Developmental Disorders 42
Clarke & Darker Smith (2024) Neurodiversity-affirming EMDR therapy with Autism and ADHD. Chapter in: The Oxford Handbook of EMDR, Oxford Library of Psychology
Dahiyal et al. (2024). Supporting Interdisciplinary Care for High-Needs Individuals at the Intersection of Intellectual/Developmental Disabilities and Mental Health. Paper presented at INSAR, Melbourne, May 2024
Haruvi-Lamdan, Horesh and Golan (2018). Psychological Trauma: Theory, Research, Practice and Policy 10, 290-299
Hoover & Romero (2019). Journal of Autism and Developmental Disorders 49 1686-1692
Kerns et al. (2015). Journal of Autism and Developmental Disorders 45
Kerns et al. (2022) Autism 26.
Law et al. (2013) Journal of Developmental and Behavioral Pediatrics
Lim and Young (2024) Investigating the Relationship between Autism and Post-Traumatic Stress Disorder in Young Adults. Paper presented at INSAR, Melbourne, May 2024.
Lobregt-van Buuren et al (2019) Journal of Autism and Developmental Disorders 49,
Schroeder et al. (2014). Journal of Autism and Developmental Disorders 44
Stack & Lucyshyn (2019). Journal of Autism and Developmental Disorders 49
Van Diest & Marguerite (2022). Journal of EMDR Practice and Research 16.
Van Roekel et al. (2010). Journal of Autism and Developmental Disorders 40
Wright et al. (2018). Journal of Child and Adolescent Trauma 11