{"id":589,"date":"2024-10-27T10:13:38","date_gmt":"2024-10-27T09:13:38","guid":{"rendered":"https:\/\/autismusinfo.com\/?p=589"},"modified":"2024-10-27T10:13:38","modified_gmt":"2024-10-27T09:13:38","slug":"aelter-werden-mit-autismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/autismusinfo.com\/da\/aelter-werden-mit-autismus\/","title":{"rendered":"\u00c4lter werden mit Autismus"},"content":{"rendered":"<section class=\"bde-section-589-110 bde-section\">\n  \n  \n\t\n\n\n\n<div class=\"section-container\"><div class=\"bde-button-589-109 bde-button\">\n        \n    \n    \n    \n    \n            \n                    \n            \n            \n\n    \n    \n    \n    \n    \n    <a class=\"breakdance-link button-atom button-atom--primary bde-button__button\" href=\"https:\/\/autismusinfo.com\/da\/blog\/\" target=\"_self\" data-type=\"url\"  >\n\n    \n        <span class=\"button-atom__text\">Zur\u00fcck<\/span>\n\n        \n        \n                <\/a>\n\n    \n\n\n<\/div><\/div>\n<\/section><section class=\"bde-section-589-102 bde-section\">\n  \n  \n\t\n\n\n\n<div class=\"section-container\"><div class=\"bde-columns-589-106 bde-columns\"><div class=\"bde-column-589-107 bde-column\">\n  \n  \n\t\n\n\n\n<h1 class=\"bde-heading-589-101 bde-heading\">\n\u00c4lter werden mit Autismus\n<\/h1><div class=\"bde-text-589-111 bde-text\">\n27. oktober 2024\n<\/div>\n<\/div><div class=\"bde-column-589-108 bde-column\">\n  \n  \n\t\n\n\n\n<div class=\"bde-image-589-105 bde-image\">\n<figure class=\"breakdance-image breakdance-image--590\">\n\t<div class=\"breakdance-image-container\">\n\t\t<div class=\"breakdance-image-clip\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"breakdance-image-object\" src=\"https:\/\/autismusinfo.com\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/Aelter-werden-mit-Autismus.jpg\" width=\"1080\" height=\"1080\" srcset=\"https:\/\/autismusinfo.com\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/Aelter-werden-mit-Autismus.jpg 1080w, https:\/\/autismusinfo.com\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/Aelter-werden-mit-Autismus-300x300.jpg 300w, https:\/\/autismusinfo.com\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/Aelter-werden-mit-Autismus-1024x1024.jpg 1024w, https:\/\/autismusinfo.com\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/Aelter-werden-mit-Autismus-150x150.jpg 150w, https:\/\/autismusinfo.com\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/Aelter-werden-mit-Autismus-768x768.jpg 768w, https:\/\/autismusinfo.com\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/Aelter-werden-mit-Autismus-12x12.jpg 12w\" sizes=\"auto, (max-width: 1080px) 100vw, 1080px\"><\/div>\n\t<\/div><\/figure>\n\n<\/div>\n<\/div><\/div><\/div>\n<\/section><section class=\"bde-section-589-112 bde-section\">\n  \n  \n\t\n\n\n\n<div class=\"section-container\"><div class=\"bde-rich-text-589-113 bde-rich-text breakdance-rich-text-styles\">\n<p>Von Professor Tony Attwood und Dr. Michelle Garnett, \u00dcbersetzung \u2013 Sigrid Andersen<br \/><br \/><\/p>\n<p>In den letzten zehn Jahren haben wir festgestellt, dass sich immer mehr \u00e4ltere Erwachsene aufgrund ihrer Entwicklung und F\u00e4higkeiten auf eine Autismus-Spektrum-St\u00f6rung abkl\u00e4ren lassen. Dadurch hatten wir auch die Gelegenheit, das \u00c4lterwerden mit Autismus sowohl im Querschnitt, also Autismus in den verschiedenen Jahrzehnten, als auch im L\u00e4ngsschnitt zu untersuchen, indem einige autistische Erwachsene \u00fcber mehrere Jahrzehnte hinweg begleitet wurden. K\u00fcrzlich wurden mithilfe von teilweise strukturierten Befragungen auch Forschungen zum Thema \u00c4lterwerden und Autismus durchgef\u00fchrt. 150 Personen zwischen 50 und 80 Jahren nahmen an einer Studie von Wake, Endlich and Lagos (2021) teil. Zudem stand Tony Attwood als Berater f\u00fcr eine Doktorarbeit zur Verf\u00fcgung, mit der eine detaillierte Analyse von zehn autistischen Erwachsenen im Alter von 53 bis 74 Jahren durchgef\u00fchrt wurde (Ommensen et al.). In diesem Blogbeitrag besch\u00e4ftigen wir uns mit dem \u00c4lterwerden mit Autismus, betrachten\u00a0 Forschungsergebnisse und berichten von unseren klinischen Erfahrungen.<\/p>\n<p>Autistische Erwachsene \u00fcber 50 (diese Generation wird auch Baby Boomers genannt), konnten in ihrer Kindheit und Jugend nicht auf die Unterst\u00fctzung in der Schule und zu Hause zur\u00fcckgreifen, die uns heute zur Verf\u00fcgung steht. Sie hatten keine M\u00f6glichkeit, soziale Kompetenzen zu verbessern und zu lernen, wie man Freundschaften pflegt. Und sie konnten kein positives Selbstbild entwickeln.\u00a0 Zudem hatten sie als junge Erwachsene keinen Zugang zu Therapien, die darauf abzielen, \u00c4ngste zu reduzieren und Depressionen bei autistischen Erwachsenen zu bek\u00e4mpfen. Auch wurde ihnen wenig Verst\u00e4ndnis entgegengebracht, ihre Umwelt passte sich nicht ihren Bed\u00fcrfnissen an, wie wir dies heute kennen. Interessant war es, zu sehen, dass einige autistische Menschen trotz fehlendem Verst\u00e4ndnis und fehlender Unterst\u00fctzung heute ein erfolgreiches und gl\u00fcckliches Leben f\u00fchren. Diese Information ist besonders wertvoll f\u00fcr alle, die heute Hilfsmittel und Unterst\u00fctzung f\u00fcr zuk\u00fcnftige Generationen entwickeln.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><strong>Sp\u00e4te Autismusdiagnose<\/strong><\/p>\n<p>Wir haben bei unserer Arbeit die Erfahrung gemacht, dass eine sp\u00e4te Autismus-Diagnose meist f\u00fcr die Betroffenen positive Aspekte hat. Die Forschungsergebnisse zeigen, dass sich beinahe 80 Prozent der Befragten nach einer solchen erleichtert und befreit f\u00fchlen, wie auch die folgenden Anmerkungen aus der Studie von Wake, Endlich und Lagos (2021) zeigen:\u00a0<\/p>\n<p><em>\u201eIch habe endlich nicht mehr das Gef\u00fchl, mich st\u00e4ndig f\u00fcr all meine Probleme runtermachen zu m\u00fcssen ... auf jeden Fall nicht so h\u00e4ufig.\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>\u201eEndlich hat das alles einen Namen!\u00a0 Ich habe sogar eine Selbsthilfegruppe gefunden und lerne mich nun ganz neu kennen. Zudem habe ich erkannt, woran ich als Autistin arbeiten kann und was ich wohl oder \u00fcbel akzeptieren muss.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Die meisten Befragten gaben bei dieser Studie an, dass sie nach der Autismus-Diagnose erleichtert waren und ein besseres Selbstbild hatten. Gleichzeitig waren viele aber auch w\u00fctend und aufgebracht, dass sie einen Gro\u00dfteil ihres Lebens ohne dieses Wissen gelebt haben. Sehr viele Betroffene (95 Prozent) erkannten bereits im Kleinkindalter, dass sie irgendwie anders waren als andere Gleichaltrige. H\u00e4ufig bereitete ihnen das Lernen in der Schule keine Schwierigkeiten, aber sie haben dennoch mit der Schule sehr schlechte Erfahrungen gemacht. Die gr\u00f6\u00dfte Belastung war wohl eigentlich nicht das Anders-sein, sondern die Tatsache, dass sie ihr autistisches Wesen nicht ausdr\u00fccken und beschreiben konnten. Niemand konnte die autistischen Charakterz\u00fcge als solche deuten. Alle Befragten bedauerten, die Autismus-Diagnose nicht bereits fr\u00fcher erhalten zu haben.<\/p>\n<p>Nach der sp\u00e4ten Autismus-Diagnose aber f\u00fchlten sich langsam viele dieser Personen besser (67 Prozent) und verstanden besser, wer sie eigentlich waren. Sie machten sich nicht st\u00e4ndig selbst fertig, passten ihr Leben an ihre St\u00e4rken und F\u00e4higkeiten an und fanden Menschen, die sie unterst\u00fctzten. Zudem maskierten sie ihre autistischen Verhaltensweisen seltener (Bradley et al, 2021).\u00a0 Auch auf die psychische Gesundheit hatte dies positive Auswirkungen, wie ein Teilnehmer dieser Studie angab: \u201e<em>Meine Depressionssymptome wurden ohne Medikamente schw\u00e4cher.\u201c<\/em><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><strong>Bew\u00e4ltigungsstrategien im Laufe der Zeit<\/strong><\/p>\n<p>Attwood (2007) beschrieb zwei internalisierende und zwei externalisierende Reaktionen auf Autismus, die in der Kindheit erkannt werden und bis ins Erwachsenenalter andauern k\u00f6nnen. Bei den beiden internalisierenden Reaktionen handelt es sich um Depression und die Flucht in Fantasiewelten oder Intellekt. Die beiden externalisierenden Reaktionen kommen als Verleugnung, anders zu sein und durch Unterdr\u00fcckung der autistischen Charakterz\u00fcge durch soziale Anpassung (Masking) zum Ausdruck. Wake, Endlich and Lagos (2021) stellten fest, dass diese Bew\u00e4ltigungsstrategien bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen stark ausgepr\u00e4gt waren, um die Lebensmitte allerdings nachlie\u00dfen. Dies ist wahrscheinlich auf den Einsatz von besser geeigneten Bew\u00e4ltigungsstrategien wie Selbstakzeptanz und eine positive Haltung bez\u00fcglich Autismus zur\u00fcckzuf\u00fchren. Auch soziale Situationen k\u00f6nnen im Laufe der Jahre besser verstanden werden, starre Routinen und Zeit alleine werden nicht mehr so h\u00e4ufig ben\u00f6tigt und auch Mobbing tritt nicht mehr so h\u00e4ufig auf. Unsere klinische Erfahrung hat best\u00e4tigt, dass sich die Bew\u00e4ltigungsstrategien im Laufe der Zeit ver\u00e4ndern.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><strong>Soziale Kompetenz<\/strong><\/p>\n<p>Unsere Klientschaft beschreibt eine langsame Verbesserung der sozialen Kompetenz und Freundschaften (zahlenm\u00e4\u00dfig \u2013 auch Freundschaften mit anderen autistischen Personen) nach ihrer Autismus-Diagnose. Betroffene m\u00f6chten sich auch im reiferen Alter noch mit anderen intellektuell austauschen und andere autistische Erwachsene unterst\u00fctzen. Dennoch kosten Sozialkontakte ein Leben lang viel Kraft und Energie.\u00a0<\/p>\n<p>Ommensen und ihre Kollegschaft stellten fest, dass vier von f\u00fcnf autistischen Erwachsenen in den reiferen Jahren eine Verbesserung bei sozialer Kompetenz festgestellt haben. Lediglich bei einer von f\u00fcnf autistischen Personen schienen diese F\u00e4higkeiten abzunehmen. Die Verbesserung der sozialen Kompetenz ist unserer Meinung nach wahrscheinlich darauf zur\u00fcckzuf\u00fchren, dass autistische Erwachsene verst\u00e4rkt kognitive statt intuitive F\u00e4higkeiten zur Verarbeitung von sozialen Informationen einsetzen. Ein Merkmal im hohen Alter ist eine reduzierte Funktion des Stirnlappens, was die berichtete Verschlechterung der sozialen F\u00e4higkeiten erkl\u00e4ren k\u00f6nnte.\u00a0<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><strong>Arbeit und Beziehungen<\/strong><\/p>\n<p>Fast 60 Prozent der Befragten gaben bei der Studie von Wake, Endlich und Lagos (2021) an, dass sie durch ihren Autismus Schwierigkeiten im Berufsleben haben. Im Gegensatz dazu gaben aber auch 26 Prozent an, dass ihr Autismus ihnen bei ihrer gew\u00e4hlten Karriere geholfen hat. Das k\u00fcrzlich ver\u00f6ffentlichte Arbeitsbuch\u00a0<em>Autism Working\u00a0<\/em> (Garnett und Attwood, 2022, in englischer Sprache) bietet Ratschl\u00e4ge, Strategien und Ma\u00dfnahmen an, um mit den Herausforderungen besser klarzukommen, die f\u00fcr autistische Erwachsene im Berufsleben entstehen k\u00f6nnen. Garnett und Attwood haben dieses Buch mit dem Wissen geschrieben, dass viele autistische Erwachsene Probleme haben, eine Stelle zu finden und zu behalten, obwohl sie unglaublich viele F\u00e4higkeiten und Fertigkeiten besitzen, die f\u00fcr die Arbeitswelt von Vorteil sind.<\/p>\n<p>Eine besonders gro\u00dfe Herausforderung in reiferem Alter waren die sozialen Beziehungen, besonders dann, wenn autistische Menschen die emotionalen Bed\u00fcrfnisse der Person, mit der sie das Leben teilen, nicht erf\u00fcllen konnten. Die Studie von Wake, Endlich und Lagos (2021) hat gezeigt, dass 26 Prozent der Befragten angaben, dass sie noch nie eine enge Bindung zu einer anderen Person hatten. Bei dieser Studie wurde au\u00dferdem deutlich, dass bei allen Geschlechtern eine gr\u00f6\u00dfere Diversit\u00e4t bez\u00fcglich sexueller Orientierung als bei nicht-autistischen Menschen auftritt. Dies deckt sich auch mit unserer klinischen Erfahrung.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><strong>Lebensqualit\u00e4t\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Bez\u00fcglich der Lebensqualit\u00e4t von autistischen Erwachsenen wurden bereits mehrere Studien durchgef\u00fchrt. McConachie et al (2009) best\u00e4tigte, dass die Lebensqualit\u00e4t stark davon abhing, ob eine Person ihre autistische Identit\u00e4t als positiv erachtet und ob die Personen in ihrem Umfeld Verst\u00e4ndnis und Akzeptanz f\u00fcr Autismus aufbringen. Weitere Faktoren, die die Lebensqualit\u00e4t beeinflussen, sind psychische Erkrankungen, die Art der Freundschaften sowie externe Unterst\u00fctzung und Leistungen. Mason et al (2018) stellte fest, dass die Lebensqualit\u00e4t f\u00fcr autistische Erwachsene im Vergleich zur nicht-autistischen Bev\u00f6lkerung geringer ist, und dass Faktoren wie eine Arbeitsstelle, eine Partnerschaft und Unterst\u00fctzung die Lebensqualit\u00e4t positiv beeinflussen. Negative Auswirkungen hingegen hatten psychische Erkrankungen und schwer autistische Verhaltensweisen.<\/p>\n<p>Maja Toudal ist eine d\u00e4nische Psychologin und Autismusexpertin. Sie f\u00fchrte online eine Umfrage f\u00fcr autistische Erwachsene durch, bei der sie beschreiben sollten, was f\u00fcr sie Lebensqualit\u00e4t und Wohlbefinden ausmacht. Nachstehend einige der Antworten:<\/p>\n<ul>\n<li>Nicht gest\u00f6rt werden<\/li>\n<li>Mich nicht verstellen m\u00fcssen, weil sich das normalerweise so geh\u00f6rt oder angeblich normal ist<\/li>\n<li>Mich in mein eigenes Zuhause zur\u00fcckziehen k\u00f6nnen<\/li>\n<li>Mich ausdr\u00fccken k\u00f6nnen und verstanden werden<\/li>\n<li>Besser werden bei den Dingen, die ich liebe<\/li>\n<li>Platz f\u00fcr meine Interessen\/Hobbys haben<\/li>\n<li>T\u00e4gliche die M\u00f6glichkeit haben, mich meinen Spezialinteressen zu widmen<\/li>\n<li>Sensorische Probleme\/Schmerzen durch sensorische Reize ausdr\u00fccken d\u00fcrfen<\/li>\n<li>Ein sinnvolles Leben f\u00fchren<\/li>\n<li>Autismus akzeptieren und mit der Situation arbeiten, um ein harmonischeres Leben zu f\u00fchren<\/li>\n<\/ul>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Interessant war auch die Erkenntnis, dass sich dann ein Gef\u00fchl von guter Lebensqualit\u00e4t und Wohlbefinden einstellt, wenn weniger unangenehme Reize ertragen werden m\u00fcssen und sich die betroffenen Personen ihrem Spezialinteresse widmen k\u00f6nnen. F\u00fcr die Unterst\u00fctzung von autistischen Erwachsenen ist dies eine wichtige Information.\u00a0<\/p>\n<p>Die Studie von Wake, Endlich und Lagos (2021) zeigte au\u00dferdem eine Verbesserung der Lebensqualit\u00e4t von autistischen Erwachsenen nach dem 50. Lebensjahr. Sie entwickelten bessere Bew\u00e4ltigungsstrategien, ihre psychische Gesundheit verbesserte sich ebenso.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><strong>Psychische Gesundheit<\/strong><\/p>\n<p>Viele der Befragten k\u00e4mpfen bereits seit dem Teenageralter mit psychischen Erkrankungen, verstanden aber damals nat\u00fcrlich nicht, was los war. Sie konnten h\u00e4ufig ihre Gedanken und Gef\u00fchle nicht in Worte fassen und sich so auch nicht an Familienmitglieder oder Fachkr\u00e4fte wenden. Bei der oben genannten Studie berichteten 74 Prozent der Befragten \u00fcber 50 von Angstst\u00f6rungen, 72 Prozent von Depressionen. In dieser Altersgruppe berichteten au\u00dferdem 38 Prozent der Befragten von Selbstmordgedanken. Eine von drei befragten Personen gab an, nach Missbrauch in der Kindheit oder im Erwachsenenalter an einer posttraumatischen Belastungsst\u00f6rung zu leiden.<\/p>\n<p>Sowohl bei der Studie von Ommensen et al als auch bei der Studie von Wake, Endlich und Lagos (2021) wurde festgestellt, dass die meisten der befragten Personen konventionellen Therapien und Fachpersonen im Gesundheitswesen \u2013 besonders medizinischem Fachpersonal \u2013 misstrauisch gegen\u00fcberstanden und diese ablehnen. Sie hatten das Gef\u00fchl, dass sie nicht geh\u00f6rt oder verstanden werden, dass man ihnen mit Vorurteilen begegnet und ihr Verhalten falsch interpretiert, wie auch der folgende Bericht zeigt: \u201e<em>Man hat sich \u00fcberhaupt nicht f\u00fcr mich als Person interessiert. Alles, was z\u00e4hlte, war, was sie mir denn noch verkaufen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Auch eine Abneigung gegen Medikamente schien bei vielen Personen aufzutreten.\u00a0Einige der befragten Personen hatten Medikamente gegen Angstst\u00f6rungen oder Depression verschrieben bekommen, die ihnen aber nicht geholfen hatten bzw. bei denen die Nebenwirkungen zu schwerwiegend waren.\u00a0 Zudem nehmen viele die Medikamente nicht einfach so ein, ohne Fragen zu stellen, wie auch das nachstehende Beispiel deutlich macht: \u201e<em>Sie schickte mich zu einem Psychiater, der mir sagte, ich solle doch Antidepressiva nehmen. Ich antwortete, dass ich nicht das Gef\u00fchl hatte, an einer Depression zu leiden, au\u00dferdem noch stille und dies gerne genauer besprechen w\u00fcrde. Er antwortete darauf, dass er mir keinen neuen Termin geben w\u00fcrde, da ich die Antidepressiva ja ohnehin nicht nehmen w\u00fcrde. Das war also das Ende der Behandlung. Die Antidepressiva habe ich nat\u00fcrlich nicht genommen.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Die Genesung von einer Depression war f\u00fcr die meisten Personen langwierig, aber die meisten der befragten Personen berichteten, dass sich ihre psychische Gesundheit mit dem \u00c4lterwerden verbessert hat. H\u00e4ufig ist das darauf zur\u00fcckzuf\u00fchren, dass sie durch das Erkennen von Mustern bei ihren Erfahrungen und emotionalen Reaktionen Strategien entwickelt haben sowie zudem viel lesen und ausprobieren. Weniger h\u00e4ufig nehmen sie Ratschl\u00e4ge von Fachpersonen an oder begeben sich in professionelle Therapie. Mehrere der f\u00fcr die Studie von Ommensen befragten Personen gaben an, dass Psychotherapie keinen Sinn hat, es sei denn, dass sie speziell auf die Bed\u00fcrfnisse und Situation von autistischen Personen zugeschnitten ist. Da die meisten der befragten Personen professionelle Therapie nicht in Erw\u00e4gung ziehen, entwickeln sie eigene Strategien zur Selbstregulierung, die sie dann aktiv zur Bew\u00e4ltigung von Emotionen einsetzen. Einige dieser Strategien waren aber leider ungeeignet. Dazu z\u00e4hlt auch Alkoholmissbrauch. Viele waren aber auch positiv.\u00a0<\/p>\n<p>Achtsamkeit, Meditation, spirituelle und k\u00f6rperliche Aktivit\u00e4ten wie beispielsweise die Gartenpflege wurden immer wieder als erfolgreiche Strategien zur Selbstregulierung erw\u00e4hnt. Diese Aktivit\u00e4ten oder eine Kombination mehrerer Aktivit\u00e4ten wurden normalerweise alleine durchgef\u00fchrt und als beruhigend empfunden. Es handelte sich um Interessen, die im Laufe des Lebens immer wieder mehr oder weniger intensiv gepflegt worden waren, die den befragten Personen wichtig waren und die f\u00fcr innere Ruhe und emotionale Stabilit\u00e4t ohne negative Nebenwirkung wie bei Medikamenten sorgten.\u00a0<\/p>\n<p>Auch einige kognitive Ver\u00e4nderungsstrategien wie positive Gespr\u00e4che mit sich selbst waren erfolgreich.\u00a0<\/p>\n<p><em>\u00a0\u201eIch habe mich immer selbst fertig gemacht. Jetzt komm schon, du musst das einfach aushalten. Solche Sachen.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Laut Ommensen et al haben die befragten Personen im Laufe der Zeit mehr Selbstbewusstsein entwickelt, was schlie\u00dflich auch dazu gef\u00fchrt hat, dass sie sich selbst besser akzeptieren und sich selbst auch verzeihen konnten. Ihr positiver Lebensansatz f\u00fchrte zu weniger negativen Gef\u00fchlen. Sie bedauerten nicht mehr so sehr, etwas gemacht oder nicht gemacht zu haben und f\u00fchlten sich auch weniger schuldig. Das unterschwellige Thema Resilienz wurde bei beiden Studien beleuchtet. Die befragten Personen berichteten von ihrer Hartn\u00e4ckigkeit, ohne sich selbst zu bemitleiden, wenn sie davon erz\u00e4hlten, wie sie ihr Leben lang psychische Erkrankungen, Herausforderungen bei Beziehungen und im Berufsleben sowie das Gef\u00fchl, anders und falsch zu sein, mit Nachdruck und einem eisernen Willen bew\u00e4ltigt hatten. Dies l\u00e4sst darauf schlie\u00dfen, dass Therapien zur Selbstakzeptanz bei autistischen Erwachsenen besonders wertvoll sind.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><strong>Medizinische Probleme<\/strong><\/p>\n<p>Forschung und unsere klinische Erfahrung haben gezeigt, dass die Menopause f\u00fcr autistische Frauen besonders schwierig ist. Sie erleben sich als \u201emehr autistisch\u201c und haben mehr Meltdowns, wie auch diese Erz\u00e4hlung zeigt:\u00a0<em>\u201eW\u00e4hrend der Menopause hatte ich drei Meltdowns pro Woche.\u201c\u00a0<\/em>(Mosely, Druce und Turner-Cobb, 2020).\u00a0 Im Laufe des Lebens berichten viele betroffene Personen von Schlafst\u00f6rungen, Schlaflosigkeit, Allergien und \u00dcbergewicht.\u00a0<\/p>\n<p>Die Forschung besch\u00e4ftigt sich derzeit auch mit der Frage, ob es einen Zusammenhang zwischen Autismus und fr\u00fch auftretender Demenz (Vivanti et al, 2021) oder Parkinson (Croen et al, 2015) gibt. Fr\u00fche Erkenntnisse deuten darauf hin, dass diese zwei Erkrankungen bei autistischen Erwachsenen deutlich h\u00e4ufiger vorkommen.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><strong>Faktoren f\u00fcr einen positiven Verlauf<\/strong><\/p>\n<p>Unsere klinische Erfahrung hat gezeigt, dass pers\u00f6nliche und zwischenmenschliche Faktoren einen positiven Einfluss auf den Verlauf haben k\u00f6nnen. Zu den pers\u00f6nlichen Faktoren z\u00e4hlen Selbstakzeptanz und das Fehlen von Selbstmitleid, wie die folgende Aussage deutlich werden l\u00e4sst: \u201eIch kann jetzt zur\u00fcckblicken und mir etwas Nachsicht schenken.\u201c Man konzentriert sich also auf die St\u00e4rken von Autismus und hat eine positive Lebenseinstellung. Auch ein Sinn f\u00fcr Humor, auch in weniger optimalen Situationen das Positive zu sehen und weniger Selbstvorw\u00fcrfe geh\u00f6ren dazu.\u00a0<em>\u201eFr\u00fcher dachte ich, dass mich die Menschen schon m\u00f6gen w\u00fcrden, wenn ich mich nur genug anstrenge. Wenn sie mich also nicht gemocht haben, war das meine Schuld.\u201c\u00a0<\/em><\/p>\n<p>Ein weiterer Faktor ist das Entdecken von neuen, geliebten Aktivit\u00e4ten, wie beispielsweise Freiwilligenarbeit oder der Einsatz in Vereinen vor Ort. Auch das Gef\u00fchl, weniger den Normen der Gesellschaft entsprechen zu m\u00fcssen und sich auf geliebte Aktivit\u00e4ten konzentrieren zu k\u00f6nnen, sorgt daf\u00fcr, dass man das Leben als sinnvoll erachtet. Viele Personen entwickelten aufgrund ihrer Erfahrungen mehr Resilienz und in h\u00f6herem Alter eine bessere Selbstwahrnehmung und Selbstakzeptanz. Zu den zwischenmenschlichen Faktoren geh\u00f6ren Beziehungen zu anderen autistischen Erwachsenen und das Aufbauen von Freundschaften mit anderen autistischen Menschen, da man hier das Gef\u00fchl hat, dazuzugeh\u00f6ren.\u00a0<\/p>\n<p>Wie Ommensen et al erl\u00e4utert, bringt ein reiferes Alter normalerweise im Vergleich zu fr\u00fcheren Lebensphasen allgemein bei der ganzen Bev\u00f6lkerung mehr emotionale Stabilit\u00e4t und psychisches Wohlbefinden, weniger psychische Erkrankungen, mehr Zufriedenheit und eine positive Lebenseinstellung mit sich.\u00a0 Dies scheint auch bei autistischen Erwachsenen der Fall zu sein. Positive Ver\u00e4nderungen in reiferen Jahren sind also durchaus m\u00f6glich.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Quellen:<\/strong><\/p>\n<p>Mit freundlicher Genehmigung von Prof. Tony Attwood und Dr. Michelle Garnett: <a href=\"https:\/\/attwoodandgarnettevents.com\/category\/attwood-and-garnett-blog\/\">https:\/\/attwoodandgarnettevents.com\/category\/attwood-and-garnett-blog\/<\/a><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Attwood T. (2007)\u00a0<em>The Complete Guide to Asperger\u2019s Syndrome<\/em>, London, Jessica Kingsley Publishers<\/p>\n<p>Bradley et al (2021)\u00a0<em>Autism in Adulthood<\/em>\u00a03 320\u2013329<\/p>\n<p>Croen et al\u00a0(2015)<em>\u00a0autism 19\u00a0<\/em>814\u2013823<\/p>\n<p>Garnett and Attwood (2022)\u00a0<em>Autism Working: A Seven-Stage Plan to Thriving at Work\u00a0<\/em>London, Jessica Kingsley Publishers<\/p>\n<p>Mason et al 2018\u00a0<em>Autism Research<\/em>\u00a011, 1138\u20131147<\/p>\n<p>McConachie et al 2020\u00a0<em>Autism in Adulthood\u00a0<\/em>2,<em>\u00a0<\/em>4\u201312<\/p>\n<p>Mosely, Druce and Turner-Cobb (2020)<em>\u00a0Autism\u00a0<\/em>24 1423\u20131437<\/p>\n<p>Ommensen, B. University of Queensland, Doktorarbeit wird eingereicht<\/p>\n<p>Vivanti et al (2021)\u00a0<em>Autism Research<\/em>\u00a01\u201311<\/p>\n<p>Wake, Endlich and Lagos (2021)\u00a0<em>Older Autistic Adults in Their Own Words: The Lost Generation\u00a0<\/em>AAPC Publishing, Shawnee, KS.<\/p>\n<\/div><div class=\"bde-back-to-top-589-114 bde-back-to-top bde-back-to-top--progress is-sticky\">\n\n\n<button aria-label=\"Back to top\" tabindex=\"0\" class=\"bde-back-to-top__button bde-back-to-top__button--progress bde-back-to-top__button--show-always bde-back-to-top__button--animation-fade is-sticky  js-ee-back-to-top\">\n    \t<svg class=\"bde-back-to-top__progress-svg js-progress-svg\" width=\"100%\" height=\"100%\" viewbox=\"-1 -1 102 102\">\n\t  <path class=\"background\" d=\"M50,1 a49,49 0 0,1 0,98 a49,49 0 0,1 0,-98\"\/>\n      <path class=\"tracker\" d=\"M50,1 a49,49 0 0,1 0,98 a49,49 0 0,1 0,-98\"\/>\n  \t<\/svg>\n         <div class=\"bde-back-to-top__icon-wrap\">\n              <svg xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\" viewbox=\"0 0 384 512\"><!--! 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