Von Dr. Michelle Garnett und Prof. Tony Attwood – Übersetzung: Sigrid Andersen
Als Familie eine Atmosphäre zu schaffen, in der Neurodiversität positiv gesehen und berücksichtigt wird, ist ein wichtiges Ziel. Auf diese Weise können nämlich alle Familienmitglieder Autismus und/oder ADHS annehmen und positiv betrachten, was ihnen dabei hilft, Stärken, Fähigkeiten und Herausforderungen bei Neurodiversität zu akzeptieren. In diesem Blogbeitrag beleuchten wir sowohl positive als auch kontraproduktive Dynamiken, die wir bei unseren Therapien in neurodiversen Familien beobachten konnten. Und wir erklären, wie eine wartungsfreundliche Atmosphäre voller positiver Entwicklungen, Verständnis und Respekt entstehen kann.
Systemtheorie und Familiendynamiken
In der Systemtheorie wird die Familie als ein lebendiges System betrachtet, in dem das Verhalten jedes Mitglieds die anderen Mitglieder beeinflusst. Wilkinson (2011) liefert eine nützliche Definition der Systemtheorie, die im Folgenden zitiert wird:
„Die Systemtheorie ist ein konzeptioneller Rahmen, der auf dem Prinzip basiert, dass die Bestandteile eines Systems am besten im Kontext der Beziehungen zueinander und zu anderen Systemen verstanden werden können, anstatt sie isoliert zu betrachten.“ (Wilkinson, 2011; S. 1466.)
Der Fokus bei dieser Theorie liegt auf Konzepten wie Eigenständigkeit, laufendem positivem Feedback und Selbstregulierung. Familien haben von Natur aus ein Bedürfnis nach Gleichgewicht, und wenn dieses Gleichgewicht gestört wird, versuchen die Familienmitglieder, das Gleichgewicht auf positive oder negative Weise wiederherzustellen.
Eltern und Betreuungspersonen streben dabei oft nach einer „Norm“, die auf ihren eigenen Erfahrungen beruht. Doch die Normen der Mehrheit sind die Normen der neurotypischen Menschen, die in der Regel nicht für neurodiverse Familienmitglieder angewendet werden können. Der Versuch, eine neurodiverse Person zu verändern oder von ihr zu erwarten, dass sie neurotypische Normen erfüllt, birgt das Risiko, ihre Lebensqualität, ihre psychische Gesundheit und ihr Wohlbefinden negativ zu beeinflussen. Nichtsdestotrotz wollen Eltern und Betreuungspersonen natürlich ihre Kinder so sozialisieren, dass sie den Erwartungen der Gesellschaft gerecht werden, um sie resilient zu machen und ihnen zu helfen, sich in allen möglichen sozialen Situationen zurechtzufinden und im Laufe des Lebens Herausforderungen meistern zu können. Wenn sie die gesellschaftlichen Normen nicht zu Hause üben, wie können sie dann ihre Kinder auf das „echte Leben da draußen“ vorbereiten?
Die Bedürfnisse von neurodiversen Kindern und die Erwartungen der liebevollen Eltern können also aufeinanderprallen, Stress und Wut auslösen. Angst und somit auch das Bedürfnis nach starren Routinen nehmen zu. Die Situation scheint ausweglos. Wie können wir also Fortschritte erzielen?
Hilfreiche Dynamiken:
Mehr Empathie und Verständnis: Neurodiverse Familienmitglieder sehen die Welt häufig auf ganz einzigartige Art und Weise. Die Akzeptanz dieser Sichtweise kann zu einem tiefgreifenden Verständnis und einer Akzeptanz der einzigartigen Unterschiede führen. Familien, die offen über die Bedürfnisse, Stärken und Herausforderungen aller Familienmitglieder sprechen, profitieren von einer Atmosphäre, in der Empathie wachsen kann. Diese offenen Gespräche können dazu führen, dass Familienrollen flexibler gestaltet und Verantwortung gemeinsam übernommen werden.
Kreativität und Problemlösungen: Neurodiverse Familien haben häufig ungewöhnliche Denkansätze und gehen Herausforderungen auf außergewöhnliche Weise an. Indem Familien offen sind für diese einzigartigen Ansätze, entstehen innovative Lösungen, von denen alle profitieren.
Laufendes ermutigendes Feedback: Die Systemtheorie betont, wie wichtig laufendes, ermutigendes Feedback für das Gleichgewicht in einer Familie ist. In neurodiversen Familien können positive Verstärkung, Geduld und die positive Akzeptanz der einzigartigen Identität jedes Familienmitglieds zum konstruktiven Wachstum der Familie beitragen. Wenn ein autistisches Kind beispielsweise laufend Bestätigung und Unterstützung als Individuum erfährt, und zwar unabhängig von seiner Fähigkeit, Emotionen oder Verhalten zu regulieren, sind die Chancen viel größer, dass es Selbstvertrauen und ein positives Selbstbild entwickeln kann. Und genau das wird ihm dabei helfen, im Leben Ziele zu erreichen.
Kontraproduktive Dynamiken:
Starre Rollenbilder und Erwartungen Häufig gibt es in Familien ungeschriebene Regeln und Rollenbilder, die ein bestimmtes Verhalten vorschreiben. In neurodiversen Familien können diese Erwartungen schädlich sein. Beispielsweise werden autistische Familienmitglieder, von denen erwartet wird, dass sie sich neurotypischen sozialen Normen anpassen, ohne ihre sensorischen Bedürfnisse und ihre Art zu kommunizieren zu berücksichtigen, Stress, Angst und Konflikte erleben.
Kommunikationsprobleme und Missverständnisse: Die unterschiedlichen Kommunikationsstile, besonders wenn neurotypische und neurodiverse Familienmitglieder miteinander kommunizieren, können zu Missverständnissen führen. Autistische Menschen haben Schwierigkeiten, nonverbale Signale anderer Menschen zu lesen, genauso wie nicht-autistische Familienmitglieder wiederum ihre Signale schwer deuten können. Ohne gezielte Bemühungen, diese unterschiedliche Kommunikation zu „übersetzen“, kommt es zu Frustration, Wut und einem Gefühl der Entfremdung.
Laufendes negatives Feedback: Es kann eine negative Spirale entstehen, wenn neurodiverses Verhalten ständig kritisiert oder pathologisiert wird. Wenn Kinder mit ADHS beispielsweise als „faul“ oder „Störenfried“ abgestempelt werden, führt dies zu Trotzreaktionen und Rückzug. Wenn nun wiederum mit noch strengerer Disziplin darauf reagiert wird, entsteht ein negativer und dysfunktionaler Sog. Viele autistische Teenager kämpfen mit einem Burnout und sollten sich eigentlich erholen. Dieses Bedürfnis nach Ruhe wird aber als „Faulheit“ oder Angst interpretiert. Es werden noch mehr Anforderungen gestellt und mehr Handlungen gefordert. Mit der Zeit kommt es so unweigerlich zu einer Belastung der Beziehungen innerhalb der Familie und nicht selten zu einem Kontaktabbruch der erwachsenen Kinder.
Positiv mit Neurodiversität umgehen
Um eine für Neurodiversität positive Atmosphäre zu schaffen, muss die Situation aus einem neuen Blickwinkel betrachtet werden. Anstatt sich auf die Herausforderungen zu konzentrieren, sollten die Stärken anerkannt und geschätzt werden. Zudem ist es wichtig, die Herausforderungen zu verstehen, die für neurodiverse Menschen in einer Welt entstehen, die für neurotypische Menschen geschaffen wurde. Nachstehend finden Sie einige Strategien, die Ihnen dabei helfen können, eine inklusive und unterstützende Familiendynamik zu erschaffen.
Lernen und Bewusstmachen: Indem sich Familienmitglieder über Autismus und ADHS informieren und nicht nur die Herausforderungen, sondern auch die einzigartigen Persönlichkeitsmerkmale, Stärken und Perspektiven verstehen, können sie die Person so erleben, wie sie wirklich ist. Dieses Wissen kann Erwartungen verändern und ein empathisches Miteinander fördern, da die sehr realen Schwierigkeiten des neurodiversen Lebens in einer neurotypischen Welt deutlicher werden.
Flexible Kommunikation: Durch die Anpassung von Kommunikationsstilen entsteht in neurodiversen Haushalten eine wirkungsvolle Strategie. Beispielsweise kann mit einigen Familienmitgliedern sehr klar und direkt, mit anderen weniger direkt kommuniziert werden. Vielleicht sind Anpassungen aufgrund einer bestimmten sensorischen Hypersensibilität notwendig, oder man lässt der betroffenen Person mehr Zeit zum Verarbeiten von Informationen. Auch visuelle Hilfsmittel, schriftliche Kommunikation und ganz klar formulierte Erwartungen können bei unterschiedlicher Kommunikation hilfreich sein.
Individuelle und gemeinsame Bedürfnisse priorisieren: Es ist wichtig, zu erkennen, dass jedes einzelne Familienmitglied unterschiedliche Bedürfnisse hat. In einer für Neurodiversität positive Atmosphäre entstehen Anpassungen, ohne die neurodiversen Familienmitglieder auszugrenzen oder unterschiedlich zu behandeln. Beispielsweise profitiert die gesamte Familie von einem sensorisch angenehmen Wohnraum und Routineabläufen, die auf die individuellen Bedürfnisse abgestimmt werden.
Individuelle Stärken und Unterschiede erkennen: Indem der Fokus – weg vom „Korrigieren“ neurodiverser Persönlichkeitsmerkmale – auf die Stärken und Sichtweisen der Betroffenen gelenkt wird, entsteht ein wertvoller Ansatz. So kann man ein Kind beispielsweise in seinem Spezialinteresse oder Hobby fördern, die kreativen Lösungsansätze, die so häufig bei ADHS anzutreffen sind, anerkennen und schätzen oder das logische, detailorientierte Denken von autistischen Familienmitgliedern bewundern.
Gemeinsame Lösungen: Die Systemtheorie besagt, dass der Beitrag jedes einzelnen Familienmitglieds für ein Gleichgewicht entscheidend ist. Indem Familien gemeinsam an Lösungen arbeiten und Entscheidungen gemeinsam treffen, entsteht das Gefühl, etwas beizutragen und Verantwortung zu übernehmen. Die Sichtweise jeder einzelnen Person wird respektiert. Anstatt einfach Regeln einzuführen, können Familien beispielsweise gemeinsam Richtlinien erstellen, die für alle funktionieren.
Vorhersehbare, aber flexible Routineabläufe: Für viele Menschen mit Autismus und ADHS sind Routineabläufe sehr beruhigend. Aber es ist wichtig, dass diese Abläufe dennoch flexibel bleiben. Ein Gleichgewicht zwischen Struktur und Anpassungsfähigkeit stellt sicher, dass Routineabläufe die Bedürfnisse aller berücksichtigen und auf lange Sicht funktionieren.
Probleme mit Emotionen verstehen: In neurodiversen Familien erleben viele oder alle Familienmitglieder täglich Probleme mit Emotionen. Eltern und Betreuungspersonen fühlen sich ständig für ihre eigene Meltdowns und Shutdowns schuldig. Es ist wichtig, zu erkennen, dass die Kontrolle von Emotionen für alle Familienmitglieder ein wertvolles Ziel ist, dass dies aber einigen Familienmitgliedern schwerer fallen kann als anderen. Dabei darauf zu achten, dass heftige Gefühlsausbrüche weder getadelt noch pathologisiert werden, ist unerlässlich. Es kann helfen, die Kontrolle von Emotionen aus einem völlig neuen Blickwinkel zu betrachten. Emotionen erzählen uns, dass etwas nicht stimmt, und nicht, dass etwas mit einer Person nicht stimmt. Sie könnten als Familie beispielsweise gemeinsam einen Gefühls-Werkzeugkoffer erstellen. Jedes Familienmitglied trägt mit Vorschlägen bei. Darin könnten sich Sport- und Bewegungswerkzeuge befinden, die dabei helfen, Frustration und Energie abzubauen, und Entspannungswerkzeuge, die beruhigen und positiv stimmen. Lernen Sie, auf autismusfreundliche Weise mit Meltdowns umzugehen.
Fazit
In Familien mit autistischen oder ADHS-Familienmitgliedern entsteht eine Dynamik, die dadurch geprägt wird, wie sich das gesamte System an die Bedürfnisse und Stärken der einzelnen Individuen anpasst. Aus der Perspektive der Systemtheorie wird deutlich, dass positive Dynamiken – viel Empathie, Kreativität und laufendes ermutigendes Feedback: – entstehen können, wenn Neurodiversität akzeptiert und geschätzt wird. Im Gegensatz dazu können starre Strukturen, ungeeignete Kommunikationsformen und ständiges negatives Feedback zu einer kontraproduktiven Dynamik führen. Um eine Atmosphäre schaffen zu können, die sich positiv auf neurodiverse Menschen auswirkt, braucht es Informiertheit, Flexibilität, ein gemeinsames Lösen von Problemen und Freude an der Verschiedenheit aller. Indem diese Prinzipien verstärkt berücksichtigt werden, können Familien eine Umgebung voller Unterstützung schaffen, in der alle Familienmitglieder sich wohlfühlen und wachsen können.
Quellen:
Mit freundlicher Genehmigung von Prof. Tony Attwood und Dr. Michelle Garnett: https://attwoodandgarnettevents.com/category/attwood-and-garnett-blog/
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