One drop can change everything.

10 Challenges Your Autistic Teenager Likely Faces Every Day

27. September 2024

Von Dr. Michelle Garnett und Prof. Tony Attwood,
Übersetzung – ProZ-Probono-Netzwerk & Sigrid Andersen

 

Einleitung

Wenn Sie mit autistischen Menschen im Teenageralter zusammenleben, sie unterrichten oder mit ihnen arbeiten, haben Sie wahrscheinlich schon bemerkt, dass der Alltag vielen von ihnen  Mühe bereitet. Sie erleben Emotionen oft sehr stark – auch Angst, Stress, Depression und Wut. An manchen Tagen kann sogar der kleinste Auslöser einen Meltdown verursachen, beispielsweise, wenn jemand sie ansieht. Sie kommen völlig erschöpft von der Schule und scheinen über Stunden hinweg Ruhe in ihrem Zimmer zu benötigen, um sich auf dem Bett liegend zu erholen. Oder sie verschwinden hinter einem Computerbildschirm, nur um später mit noch schlechterer Laune wieder auftauchen. Was ist da eigentlich los? Warum haben es autistische Jugendliche im Leben so schwer? In diesem Blogbeitrag beschreiben wir zehn der wohl häufigsten Herausforderungen, denen autistische Teenager im Alltag begegnen. Wir hoffen, dass Sie danach besser begreifen, warum sie es so schwer haben. Wir sind überzeugt davon, dass wir unsere Jugendlichen besser unterstützen können, wenn wir sie besser verstehen.

 

Zehn Herausforderungen, die autistische Teenager wahrscheinlich täglich erleben

 

1. Sie spüren ihr Anderssein

Autistische Menschen bemerken oft schon sehr früh, dass sie sich von anderen unterscheiden, verstehen aber meist nicht, warum sie anders sind. Durch dieses fehlende Verständnis können sie viele abfällige Bezeichnungen für sich selbst formulieren, wie etwa „seltsam“, „verrückt“ oder „dumm“. In der Schule ist es besonders schwierig, anders zu sein, vor allem im sozialen Zusammenhang. Sie erinnern sich bestimmt noch selbst an die Schulzeit in diesem Alter. Daran, wie kritisch, abwertend und herablassend Menschen im Teenageralter gegenüber anderen sein können. Einer der Meilensteine in der Entwicklung der Jugendlichen besteht darin, sich abzugrenzen, ein Individuum zu werden, das sich von den Eltern abnabelt, um ein eigenes Selbstbewusstsein zu erlangen. Dieser Selbstfindungsprozess kennzeichnet sich oft dadurch, dass man wie andere Gleichaltrige sein möchte. Es ist sehr schwierig, sich Gleichaltrigen anzupassen, wenn man sozial anders funktioniert. Die anderen wissen, dass man anders ist, und natürlich weiß man das auch selbst, aber man hat keine Ahnung, was man dagegen tun kann. Das kann zu einem sehr geringen Selbstwertgefühl, mangelndem Selbstbewusstsein, einem Gefühl der Hoffnungslosigkeit und schließlich sogar zu Depressionen und Selbstmordgedanken führen. Einige Teenager verleugnen Probleme und versuchen, sie mit übertriebenem Selbstwertgefühl oder Arroganz zu kompensieren, wobei sie den anderen die Schuld zuschieben. Sie haben oft Wutanfälle.

 

2. Weniger Selbstkontrolle 

Autismus ist eine Beeinträchtigung des Frontallappens. Das bedeutet, dass jene vorderen Bereiche des Gehirns betroffen sind, die für die exekutiven Funktionen zuständig sind. Tatsächlich wird bei 75 Prozent der autistischen Menschen zusätzlich eine Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) festgestellt. Eine Störung, die sich durch mangelnde Exekutivfunktionen auszeichnet. Zu den Exekutivfunktionen gehört unter anderem die Fähigkeit, sich zum richtigen Zeitpunkt auf das Richtige zu konzentrieren, sich von einem Ereignis auf das nächste einstellen zu können, uns selbst und unsere Zeit zu organisieren, zu planen und Prioritäten zu setzen, ein Problem konzentriert anzugehen, während wir es lösen, und unmittelbare Reaktionen zu unterdrücken. Autistische Teenager kämpfen oft mit all diesen Fähigkeiten, was dazu führt, dass sie ihre Emotionen und ihr Verhalten nur beschränkt kontrollieren können. Ihre Gefühlslage wechselt ständig, sie handeln impulsiv, werden defensiv und meiden Situationen, die ihnen Angst machen. Dieses Verhaltensmuster verhindert, dass sie sich selbst spüren. Sie haben Mühe, das Geschehen zu verarbeiten, zu lernen und Probleme zu lösen. Ohne Selbstkontrolle fühlt sich ein Teenager machtlos und zunehmend verunsichert. Wenn Menschen sich selbst nicht unter Kontrolle haben, versuchen sie normalerweise, andere Menschen zu kontrollieren.

 

3. Sensorische Herausforderungen

Eines der deutlichsten Merkmale von Autismus sind sensorische Herausforderungen. Oft ist das Umfeld zu laut, das Licht zu hell, und bestimmte Aromen, Texturen und Geschmäcker können als störend empfunden werden. Eine so andersartige Wahrnehmung kann auch die Fähigkeit beeinträchtigen, wie diese Menschen Schmerz und Temperatur empfinden. Diese andersartige Wahrnehmung führt zu einer anhaltenden Hypervigilanz, zu Erschöpfung und Schlafproblemen. Tagsüber fällt es aufgrund dieses unbewussten Stresses dann meist schwer, die sensorischen Erfahrungen zu verarbeiten und sich zu konzentrieren.

 

4. Mitmenschen

Wenn man autistische Teenager fragt, was das größte Problem in ihrem Leben ist, werden sie oft antworten, dass es ihre Mitmenschen sind. Damit meinen sie, dass die anderen Menschen sie verwirren, dass es schwierig ist, sie zu verstehen und zu wissen, was sie von ihnen erwarten. Außerdem können sie auch gemein und herablassend sein. Umfragen zufolge erfahren über 90 Prozent der autistischen Teenager schon vor dem 14. Lebensjahr grausames Mobbing, einschließlich der Ablehnung von Gleichaltrigen. Oft stellen autistische Teenager ziemlich früh fest, dass Menschen „toxisch“ sind. Sie meiden fortan lieber die Menschen, um sich sicher zu fühlen. Das Problem dabei ist, dass sie die Lektion zu gründlich gelernt haben. Nicht alle Mitmenschen sind gemein, und autistische Menschen im Teenageralter brauchen Menschen in ihrem Leben – Freundschaften, Menschen, die eine Mentorrolle einnehmen, Eltern, Geschwister, Fachleute und Lehrkräfte. Ein autistischer Teenager beschreibt die Situation so: „Ich würde ja lieber allein sein, aber ich ertrage die Einsamkeit nicht.“ Wir wissen aus Forschung und klinischer Praxis, dass eine einzige Freundschaft reicht, um einen autistischen Teenager vor negativen psychischen Folgen zu schützen.

 

5. Ein doppeltes Empathieproblem

Autistische Menschen haben Schwierigkeiten, andere Menschen, ihre Erwartungen und ihre Absichten einzuschätzen. Dies wird als Problem in den Bereichen „Theory of Mind“ und kognitive Empathie betrachtet. Es ist wichtig, darauf hinzuweisen, dass autistische Menschen nicht an Empathielosigkeit leiden, sie haben in der Regel sogar mehr Einfühlungsvermögen als andere, wie wir weiter unten aufzeigen werden. Allerdings haben sie Mühe, Menschen „zu lesen“. Sie haben eine andere kognitive Empathie. Heute verstehen wir zudem, dass das Problem in beide Richtungen geht. Genauso wie autistische Menschen es schwer haben, nicht-autistische Menschen zu deuten, haben nicht-autistische Menschen Mühe, autistische Menschen einzuschätzen. Der einzigartige soziale Kommunikationsstil einer autistischen Person mit weniger Augenkontakt, Gesichtsausdrücken und Körpergesten kann dazu führen, dass ihr Verhalten falsch interpretiert und sogar als negativ wahrgenommen wird. Ebenso kann eine autistische Person bestimmte Gesichtsausdrücke, Gesten und Stimmlagen fälschlicherweise als negativ wahrnehmen und so ihr Gegenüber als ablehnend empfinden. Wenn also ein solcher negativer Eindruck entstanden ist, kann die Person, die diesen negativen Eindruck bekommen hat, weniger offen reagieren, was dazu führt, dass autistische Menschen nicht nur andere ablehnen, sondern auch das Gefühl haben, selbst abgelehnt zu werden (Mitchell, Sheppard u. Cassidy, 2021).

 

6. Übermässiges Grübeln

Da ihr soziales Umfeld sie häufig verwirrt und sie Probleme mit der exekutiven Funktionalität erleben, neigen autistische Menschen dazu, zu grübeln, um verschiedene Situationen zu verarbeiten. Autistische Menschen schätzen den Intellekt sehr und können ihren eigenen nutzen, um Herausforderungen zu meistern. Dies ist eine sehr nützliche Fähigkeit, aber wenn sie überstrapaziert wird, verfallen wir ins Grübeln. Ständig über die eigenen Probleme zu grübeln, kann sowohl zu Erschöpfung als auch zu einer „Analyselähmung“ führen, die die Person überwältigt, wodurch sie dem Problem aus dem Weg geht. Man erkennt Teenager, die ihren Problemen ausweichen, daran, dass sie viel Zeit im Bett oder vor einem Bildschirm verbringen. Diese Isolierung wird als Gedankenblockade bezeichnet und führt leider meist noch zu viel größerem Kummer. Das übermäßige Grübeln hängt auch damit zusammen, dass der eigene Körper nicht ausreichend wahrgenommen wird und somit Gefühle nicht verarbeitet werden können. Um Gefühle bewältigen zu können, müssen wir sie spüren.

 

7. Hyperempathie

Kognitive und emotionale Empathie haben wir bereits erwähnt. Emotionale Empathie bedeutet, dass eine Person die emotionale Not anderer spürt, als wäre es ihre eigene. Möglicherweise können sie dieses Leid nicht einmal richtig beschreiben. Sie können auch nicht erklären, warum sie so fühlen, aber sie empfinden diesen Schmerz, als wäre er ihr eigener. Untersuchungen haben gezeigt, dass viele autistische Menschen den Schmerz anderer intensiver spüren als nicht-autistische Menschen. Dies wird Hyperempathie genannt. Autistische Teenager und Erwachsene berichten darüber, dass sie sich oft vom emotionalen Leid anderer Menschen überwältigt fühlen und keine Ahnung haben, wie sie damit umgehen sollen, weder in Bezug auf sich selbst noch um der leidenden Person zu helfen. 

 

8. Alexithymie

Bis zu 80 Prozent der autistischen Menschen leiden auch unter Alexithymie oder Gefühlsblindheit. Alexithymie bedeutet wörtlich: „a“ = ein Mangel an, „lexi“ = Worten, für „Thymie“ = Gefühle. Also die Unfähigkeit, Gefühle zu benennen und zu beschreiben. Dies schließt auch die Schwierigkeit ein, körperliche Empfindungen im Zusammenhang mit Emotionen oder Probleme bei der Sinneswahrnehmung zu registrieren. Kann eine Person erste Anzeichen einer Emotion nicht erkennen und diese Emotion nicht in Worte fassen, ist es schwierig, mit den eigenen Gefühlen umzugehen. Alexithymie ist einer der Gründe, warum viele autistische Teenager scheinbar ohne Vorwarnung aufbrausend und wütend werden. Leider stellt Alexithymie auch einen Risikofaktor für die Entwicklung von Angststörungen und Depression dar.

 

9. Ein anderes Lernprofil

Wenn autistische Menschen IQ-Tests machen, kommt es oft vor, dass sie unter den einzelnen Tests sehr unterschiedliche Ergebnisse erzielen. Das bedeutet, dass ihre kognitive Lernfähigkeit häufig stark ausgeprägt ist, aber dass sie in gewissen Bereichen auch Schwierigkeiten haben. Aufgrund ihres unausgeglichenen Lernprofils haben sie bei einigen neuen Lernaufgaben große Mühe, obwohl sie sehr intelligent oder sogar begabt sind. Wir nennen dies das abweichende Autismus-Lernprofil. Anders lernen zu müssen, kann in allen Bereichen sehr anspruchsvoll sein, nicht nur in der Schule, sondern auch in sozialen Situationen und innerhalb der Familie und der Gesellschaft. Trotz großen Intellekts halten sich autistische Teenager und Erwachsene daher häufig für dumm und fühlen sich in dieser Hinsicht deprimiert und hoffnungslos.

 

10. Trauma und die Auswirkungen von Traumata in der Vergangenheit

Leider ist es so, dass autistische Menschen viel häufiger traumatische Erfahrungen machen und eher eine posttraumatische Stressreaktion erleben als nicht-autistische Menschen. Viele von ihnen entwickeln daher eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS). Es kann sogar sein, dass ihre autistischen Teenager derzeit gerade ein Trauma erleiden, zum Beispiel, weil sie gemobbt werden oder PTBS entwickelt haben, die aber nicht diagnostiziert wurde. Ein Mensch mit PTBS wird den ganzen Tag übermäßig wachsam sein, auf Mitmenschen misstrauisch reagieren, das traumatische Ereignis immer wieder vor dem inneren Auge sehen und Albträume haben. Wenn Sie daher vermuten, dass ein autistischer Mensch im Teenageralter PTBS entwickelt hat oder derzeit an einem Trauma leidet, empfehlen wir Ihnen dringend, sofort professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Glücklicherweise kann PTBS behandelt werden, und wenn wir die traumatische Erfahrung kennen, können wir den betroffenen autistischen Teenagern helfen und sie schützen.

 

Zusammenfassung

Die Jugendjahre sind auch für nicht-autistische Teenager eine schwierige Zeit, aber autistische Teenager stehen vor einzigartigen Herausforderungen, die die üblichen Probleme noch verschärfen können. Im Laufe der zahlreichen Jahre, in denen wir uns auf Autismus spezialisiert haben, haben wir festgestellt, dass es für autistische Teenager entscheidend ist, ihre individuellen Herausforderungen zu verstehen. Das ist der wichtigste erste Schritt, um unseren Jugendlichen helfen und beistehen zu können. Bei den zehn Herausforderungen, die wir in diesem Blogbeitrag auflisten, handelt es sich um die am häufigsten in unserer klinischen Praxis erwähnten Herausforderungen, für die wir im Zuge der Forschung und klinischen Praxis ein Verständnis entwickelt haben. Hoffentlich müssen sich nicht alle autistischen Teenager jeder dieser Herausforderungen stellen, aber wir empfehlen, solche und ähnliche Probleme weiter zu ergründen und zu erforschen. Es kann wehtun, nachzufragen und zuzuhören, sich einzubringen und aufmerksam zu beobachten. Wir selbst hatten möglicherweise mit ähnlichen Problemen zu kämpfen und haben sie noch nicht verarbeitet. Immer wieder kommen wir bei der Autismusforschung aber zu dem Schluss, dass diese Herausforderungen am besten bewältigt werden können, wenn Unterstützung geleistet wird. Indem wir unseren autistischen Teenagern stets unsere Hilfe anbieten und ihnen gegenüber Verständnis zeigen, haben sie die besten Chancen, Herausforderungen erfolgreich zu meistern.

Quellen:
Mit freundlicher Genehmigung von Prof. Tony Attwood und Dr. Michelle Garnett:
https://attwoodandgarnettevents.com/category/attwood-and-garnett-blog

Mitchell, P. Sheppard, E. & Cassidy, S. (2021). Autism and the double-empathy problem: Implications for development and mental health. British Journal of Developmental Psychology, 39, 1–18. DOI: 10.1111/bjdp.1235

 

 
en_GBEnglish (UK)