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Die Angst vor Fehlern

27. January 2025

Die Angst vor Fehlern: Bewältigungsstrategien für autistische Menschen

Von Emma Hinze, Dr. Michelle Garnett und Professor Tony Attwood – Übersetzung: ProZ-Probono-Netzwerk

Das Leben birgt für autistische Menschen einzigartige Herausforderungen – eine davon ist die Angst, Fehler zu machen. Diese Angst kann lähmend und auf Erfahrungen in der Vergangenheit zurückzuführen sein, wenn sie für Fehler bestraft, scharf kritisiert, verspottet oder gemobbt wurden. Die quälenden Erinnerungen können sie davon abhalten, Neues auszuprobieren. Darüber hinaus verfestigt sich das Gefühl der Unzulänglichkeit, wenn eine andere Person scheinbar mühelos ein Problem löst, mit dem sie selbst zu kämpfen haben. Durch diese Erfahrung kann eine Spirale aus Selbstzweifeln und Ängsten entstehen, in der sich die Angst, Fehler zu machen, mit der Angst vermischt, von Gleichaltrigen übertroffen oder beurteilt zu werden.

Den Grund der Angst verstehen
Bei manchen autistischen Menschen kann die Angst, Fehler zu machen, tief in früheren Erfahrungen verwurzelt sein, und sie kann die Art und Weise, wie sie ihre Fehler wahrnehmen, beeinflussen. Es ist wichtig, zu verstehen, dass diese Erfahrungen eine Rolle spielen, und dies muss angesprochen werden, damit die Angst überwunden werden kann.

Vier Tipps, wie Sie die Angst vor Fehlern reduzieren können:
1. Individuelle Verarbeitungsgeschwindigkeit akzeptieren:
Nutzen: Wenn die individuelle Verarbeitungsgeschwindigkeit einer Person berücksichtigt wird, hilft dies, Ängste abzubauen und fördert klares Denken.

o Seien Sie sich bewusst, dass autistische Menschen möglicherweise mehr Zeit benötigen, um Informationen und Emotionen zu verarbeiten. Statt sie zu drängen oder unter Druck zu setzen, damit sie schnell reagieren, nehmen Sie sich Zeit, um zu beurteilen, ob sie etwas verstanden haben, und lassen Sie ihnen den Freiraum, in ihrem eigenen Tempo nachzudenken und zu verarbeiten. Stellen Sie bei Bedarf Fragen, um das Verstehen zu erleichtern.
o Schaffen Sie eine Umgebung, in der Geduld geschätzt und aktiv gefördert wird. Vermitteln Sie, dass es nicht nur akzeptabel, sondern lobenswert ist, sich Zeit zum Nachdenken, Analysieren und Überlegen zu nehmen. Arbeiten Sie an Ihrer eigenen Geduld und fordern Sie auch Gleichaltrige und Betreuungspersonen dazu auf.
o Kommunizieren Sie offen über die Verarbeitungsgeschwindigkeit von autistischen Personen. Schaffen Sie einen sicheren Raum, in dem niemand verurteilt wird und in dem sich autistische Menschen sich trauen, ihre Gedanken zu äußern, auch, wenn sie dafür viel Zeit brauchen. Achten Sie auf ihre unbewussten Signale und Körpersprache, denn auch auf diese Weise können sie erfahren, ob sie bereit sind, sich zu beteiligen, oder ob sie mehr Zeit brauchen.

2. Betonen, dass Fehler zum Lernen dazugehören:
Nutzen: Wenn Fehler zu machen als normal angesehen wird, baut das Ängste ab und fördert die psychische Entwicklung.

o Machen Sie autistische Personen darauf aufmerksam, dass es zum Leben dazugehört, Fehler zu machen. Sagen Sie ihnen immer wieder, dass niemand perfekt ist.
o Zeigen Sie auf, wie man durch Experimentieren und Ausprobieren lernt. Kommentieren Sie den Prozess mit Sätzen wie: „Oh, das ist schwierig, oder?“ oder „Das funktioniert nicht – und das auch nicht“. Testen Sie verschiedene Optionen, selbst wenn Sie die Lösung kennen. Indem Sie den Lernprozess offen zeigen, tragen Sie dazu bei, Fehler als Teil des Lernprozesses zu normalisieren.

3. Bewältigungsstrategien aufzeigen:
Nutzen: Durch das Erlernen von Bewältigungsstrategien können Menschen mit Frustration und Rückschlägen umgehen.

o Zeigen Sie, wie man ruhig mit Frustration umgeht und betonen Sie, dass es normal ist, frustriert zu sein, wenn Schwierigkeiten auftreten. Emotionale Reaktionen sollten als normal angesehen werden. Jeder Mensch erlebt Frustration, ganz egal, ob autistisch oder nicht.
o Üben Sie flexibles Denken, indem Sie mehrere Lösungen für ein Problem erarbeiten. Zeigen Sie, dass es oft mehr als einen Weg gibt, eine Aufgabe in Angriff zu nehmen. Erklären Sie, dass man mit Kreativität und Anpassungsfähigkeit zu innovativen Lösungen gelangen kann, auch, wenn die ersten Versuche fehlschlagen.
o Ermutigen Sie die Menschen, bei Bedarf um Hilfe zu bitten, und betonen Sie, dass es ein Zeichen von Stärke und nicht von Schwäche ist, wenn man sich helfen lässt. Es ist wichtig, ein Netzwerk aufzubauen, das Unterstützung bietet.

4. Offen über Bewältigungsstrategien sprechen:
Nutzen: Durch den Austausch von Bewältigungsstrategien können alle emotionale Resilienz entwickeln.

o Beschreiben Sie, welche Bewältigungsstrategien Sie anwenden, um in stressigen Momenten ruhig zu bleiben, z. B. tiefes Atmen oder kurze Pausen. Erklären Sie, wie diese Strategien Ihnen geholfen haben, effektiv mit Angst und Panik umzugehen.
o Betonen Sie, dass man aus Fehlern lernen kann, und erzählen Sie von Momenten, in denen Sie aus Ihren Fehlern gelernt haben.

Anpassung an die Bedürfnisse der einzelnen Person:
Die oben beschriebenen Strategien können von Nutzen sein, aber es ist wichtig, sich vor Augen zu halten, dass jeder Mensch einzigartig ist. Nicht alles, was bei einer Person gut funktioniert, ist auch für eine andere geeignet. Daher ist es wichtig, diese Strategien an die spezifischen Bedürfnisse und Vorstellungen der autistischen Person, die Sie unterstützen, anzupassen. Entscheidend ist, dass Sie sich Zeit nehmen und eine sichere Umgebung schaffen, die frei von Verurteilung ist.

Fazit
Die Angst davor, Fehler zu machen, ist für viele autistische Menschen eine große Herausforderung, was oft auf negative Erfahrungen in der Vergangenheit zurückzuführen ist. Indem wir diese Strategien umsetzen, können wir ihnen helfen, diese Angst allmählich zu überwinden und eine positivere Einstellung zum Lernen und zur persönlichen Entfaltung zu entwickeln. Denken Sie daran, dass Geduld, Verständnis und konsequente Unterstützung von entscheidender Bedeutung sind, wenn Sie autistischen Menschen dabei helfen, ihre Angst vor Fehlern zu überwinden und eine selbstbewusstere und resilientere Herangehensweise an die Herausforderungen des Lebens zu finden.

Mit freundlicher Genehmigung von Prof. Tony Attwood und Dr. Michelle Garnett: https://attwoodandgarnettevents.com/category/attwood-and-garnett-blog/

 

 

 
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