Von Emma Hinze, Professor Tony Attwood und Dr. Michelle Garnett, Übersetzung – Sigrid Andersen
Bei der sensorischen Verarbeitung geht es darum, wie das Gehirn sensorische Reize aus der Umgebung wahrnimmt und auf sie reagiert. Bei autistischen Menschen ist die sensorische Verarbeitung häufig völlig anders als bei nicht-autistischen Menschen, was zu einer Hypersensibilität oder verringerten Sensibilität in Bezug auf Geräusche, Licht, Textur, Geruch und Geschmack führt. Diese unterschiedliche sensorische Verarbeitung kann den Alltag und die Lebensqualität stark beeinflussen.
Autistische Menschen können sensorische Reize unterschiedlich wahrnehmen:
1. Hypersensibilität: Eine überaus starke Reaktion auf sensorische Reize, bei der sogar leichte Stimuli als erdrückend oder schmerzhaft empfunden werden. Beispielsweise wirkt ein lautes Geräusch quälend laut, bestimmte Materialien kratzen unglaublich. Nicht auszuhalten also!
2. Verringerte Sensibilität: Eine verringerte Reaktion auf sensorische Reize, bei der die Betroffenen Stimuli, die andere problemlos erkennen, nicht wahrnehmen. Beispielsweise reagieren Betroffene nicht auf ihren Namen oder begeben sich gezielt in Situationen mit äußerst starken sensorischen Reizen, um „normale“ Reaktionen zu erleben.
3. Reize suchen: Einige Betroffene brauchen bestimmte sensorische Reize wie die Drehbewegung des eigenen Körpers, Sprungbewegungen oder die Berührung bestimmter Materialien, um sensorische Erfahrungen aushalten zu können.
4. Reize meiden: Einige Betroffene meiden bestimmte Reize, die für sie erdrückend und unangenehm wirken. Sie halten sich beispielsweise die Ohren zu, um Geräusche zu filtern oder weigern sich, bestimmte Kleidungsstücke zu tragen.
Angst und Konfrontationstherapie
Angststörungen sind häufige psychische Erkrankungen. Betroffene machen sich meist große Sorgen, haben Angst und erleben auch körperliche Symptome wie erhöhten Puls, Schwitzen und Anspannung. Bei Angststörungen wird häufig Konfrontationstherapie eingesetzt. Bei dieser Therapie werden Betroffene langsam und wiederholt sowie in einer kontrollierten und sicheren Umgebung Reizen oder Situationen ausgesetzt, die Angst machen. Ziel der Therapie ist es, die Reaktion und somit Angst im Laufe der Zeit abzuschwächen, indem Betroffene sich an die Situation gewöhnen und eine kognitive Umstrukturierung stattfindet.
Konfrontationstherapie und Probleme bei der sensorischen Verarbeitung
Obwohl Konfrontationstherapie bei Angststörungen durchaus hilfreich sein kann, muss diese Therapie bei Problemen mit der sensorischen Verarbeitung autistischer Menschen kritisch gesehen werden. Die unterschiedliche sensorische Verarbeitung, besonders bei einer Hypersensibilität, kann tatsächlich Schmerzen und Unbehagen verursachen, was nicht auf irrationale Angst zurückzuführen, sondern schlichtweg eine körperliche und neurologische Reaktion ist. Diese wichtigen Faktoren sollten daher berücksichtigt werden:
1. Körperliche Schmerzen und Unbehagen: Viele autistische Menschen erleben sensorische Reize nicht einfach nur als unangenehm, sondern als unglaublich schmerzhaft. Bestimmte Geräusche verursachen beispielsweise körperliche Schmerzen, bestimmte Materialien lösen bei Berührung körperliche Schmerzen aus. Werden Betroffene diesen Reizen wiederholt ausgesetzt, verringern sich die Schmerzen nicht. Sie gewöhnen sich nicht einfach an sie.
2. Risiko der Traumatisierung: Indem Betroffene schmerzhaften sensorischen Reizen ausgesetzt werden, damit sie sich „daran gewöhnen“, kann es zu einer Traumatisierung kommen. Während bei Angststörungen die Reaktion auf Angst machende Situationen durch wiederholtes Erleben verringert werden kann, werden Schmerzen bei sensorischen Reizen meist nicht schwächer, was die Angst und das Vermeidungsverhalten schließlich nur noch verschlimmert.
3. Individuelle Unterschiede: Autistische Menschen erleben verschiedene Sinnesreize oft ganz unterschiedlich. Während einige von sehr langsamer Konfrontation mit leicht unangenehmen Reizen profitieren und so ihre Resilienz verbessern können (beispielsweise indem sie zur sensorischen Regulierung eine Gewichtsdecke verwenden), ist dieser Ansatz für viele Betroffene absolut untragbar. Daher ist es unerlässlich, individuelle Therapien anzubieten, die das sensorische Profil der Betroffenen berücksichtigen.
Geeignete Ansätze bei Problemen mit der sensorischen Verarbeitung
Bei autistischen Menschen, die große Probleme mit der sensorischen Verarbeitung erleben, sind alternative Ansätze meist besser geeignet als Konfrontationstherapie:
1. Sensorische Integrationstherapie: Bei dieser Therapie sollen Betroffene lernen, sensorische Reize besser zu verarbeiten und besser auf sie zu reagieren. Gut strukturierte Aktivitäten, die auf die individuellen sensorischen Bedürfnisse von Betroffenen abgestimmt sind, helfen so beim Entwickeln von Bewältigungsstrategien.
2. Veränderungen der Umwelt: Indem die Umwelt sensorisch angenehm gestaltet wird, können Reize und erdrückende Stimuli reduziert werden. Hilfreich sind in diesem Zusammenhang beispielsweise Noise-Cancelling-Kopfhörer, eine angenehmere Beleuchtung oder Pausen von den sensorischen Reizen in einer ruhigen Umgebung.
3. Bewältigungsstrategien und Tools: Einsatz von Tools und Strategien, um sensorische Überreizung zu vermeiden. Dabei kann es sich um Stimming-Spielzeug, Gewichtsdecken und sensorische „Diät“ (genau geplante Aktivitäten mit dem richtigen Maß an sensorischen Reizen für die jeweilige Person) handeln.
4. Langsame Konfrontation mit dem Einverständnis der Betroffenen: Können Betroffene durch langsame Konfrontation an leicht unangenehme sensorische Reize gewöhnt werden, sollte dies stets mit dem Einverständnis der Betroffenen erfolgen. Sie müssen sich dabei wohlfühlen und sicher sein, dass sie den Prozess selbst steuern können.
5. Grundlegende Angst reduzieren: Die Hypersensibilität bei sensorischen Reizen wird größer, je mehr Angst Betroffene grundsätzlich haben. Indem Betroffenen eine Veränderung der Umwelt geboten wird, die ihren Bedürfnissen als autistische Person entspricht, die Betroffenen bessere Bewältigungsstrategien erlernen und allgemein mit dem Reduzieren der Angst gearbeitet wird, kann das Unbehagen in Bezug auf diese so unterschiedliche Wahrnehmung von Reizen verringert werden. Häufig wird auch die Intensität der Reize schließlich als geringer erlebt.
Fazit
Während Konfrontationstherapie bei Angststörungen erfolgreich eingesetzt werden kann, ist diese bei Problemen der sensorischen Verarbeitung, die autistische Menschen oft erleben, nicht geeignet. Besonders dann nicht, wenn diese Reize Schmerzen oder Unbehagen verursachen. Es ist daher entscheidend, das einzigartige sensorische Profil von autistischen Menschen zu verstehen und geeignete Strategien einzusetzen, um sie effizient unterstützen zu können, anstatt kontraproduktiv zu arbeiten oder sogar zu traumatisieren.
Eigene Anmerkungen zu diesem Artikel
Im Zusammenhang mit sensorischer Hypersensibilität sollte auch soziale Phobie bei autistischen Menschen aus einem völlig anderen Blickwinkel betrachtet werden. Während für Nichtbetroffene oft Konfrontationstherapie hilfreich sein kann, ist eine solche für autistische Menschen kontraproduktiv. Bei ihnen geht es nicht nur um die Angst vor sozialen Situationen und Unvorhergesehenem an sich, sondern auch um die Angst vor Überreizung durch zu viele sensorische Inputs in sozialen Situationen, die zusätzlich noch mit der Angst vor einem Meltdown und somit Kontrollverlust einhergeht. Soziale Situationen können daher nur „geübt“ werden, wenn ein geeigneter Rahmen mit wenigen Reizen und Rückzugsmöglichkeiten gegeben ist.
Quellenangaben:
Mit freundlicher Genehmigung von Prof. Tony Attwood und Dr. Michelle Garnett: https://attwoodandgarnettevents.com/category/attwood-and-garnett-blog/
Case-Smith, J., Weaver, L. L., & Fristad, M. A. (2015). A systematic review of sensory processing interventions for children with autism spectrum disorders. Autism, 19(2), 133–148.
Dellapiazza, F., Vernhet, C., Blanc, N., Miot, S., Schmidt, R., & Baghdadli, A. (2018). Links between sensory processing, adaptive behaviours, and attention in children with autism spectrum disorder: A systematic review. Psychiatry Research, 270, 78–88.
Krijn, M., Emmelkamp, P. M., Olafsson, R. P., & Biemond, R. (2004). Virtual reality exposure therapy of anxiety disorders: A review. Clinical psychology review, 24(3), 259–281.
Muskett, A., Radtke, S., White, S., & Ollendick, T. (2019). Autism spectrum disorder and specific phobia: The role of sensory sensitivity: Brief review. Review Journal of Autism and Developmental Disorders, 6, 289–293.
Schoen, S.A., Lane, S. J., Mailloux, Z., May-Benson, T., Parham, L. D., Smith Roley, S. and Schaaf, R.C. (2019), A systematic review of ayres sensory integration intervention for children with autism. Autism Research, 12: 6-19. https://doi.org/10.1002/aur.2046