Warum autistischen Menschen Berührungen manchmal weh tun
Das menschliche Gehirn ist ein beeindruckendes Netzwerk, in dem fast 100 Milliarden Nervenzellen miteinander interagieren. Jede Nervenzelle verfügt durchschnittlich über 1.000 Kontakte zu anderen Zellen, die sogenannten Synapsen. Diese Synapsen sind hochkomplexe Strukturen, die nicht nur als schlichte Verbindungsstellen dienen, sondern die Informationsweitergabe zwischen den Nervenzellen maßgeblich steuern. Synapsen bestehen aus einer Sendevorrichtung und einer Empfängerstruktur, zwischen denen der synaptische Spalt liegt. Dieser schmale Spalt verhindert eine direkte Weiterleitung elektrischer Impulse. Stattdessen schütten die Sendevorrichtungen bei eingehenden Spannungspulsen Botenstoffe, sogenannte Neurotransmitter, aus, die den Spalt durchqueren und auf der Empfängerseite an spezifischen Antennen andocken. Die Menge der ausgeschütteten Neurotransmitter und die Empfindlichkeit der Empfängerstruktur werden normalerweise streng reguliert.
Bei Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung (ASS) ist dieses System jedoch häufig anders eingestellt. Wie Prof. Dr. Susanne Schoch McGovern von der Klinik für Neuropathologie am Universitätsklinikum Bonn erklärt, führen bei Autismus selbst geringfügige Abweichungen in der Regulierung dazu, dass viel zu viele Botenstoffe losgeschickt werden und viel zu viele Reize ankommen. Das führt dazu, dass Berührungen, die für andere angenehm oder neutral sind, als schmerzhaft oder überfordernd wahrgenommen werden. Dies liegt daran, dass das Gehirn von Menschen mit Autismus Berührungsreize besonders intensiv verarbeitet.
Allltägliche Situationen, wie eine Umarmung oder ein sanftes Streicheln, können deshalb überwältigend wirken. Diese Überempfindlichkeit verdeutlicht, wie eng die neuronalen Prozesse der Synapsen mit der Wahrnehmung und Verarbeitung von Reizen im Körper verbunden sind.
Was heißt das für den Alltag?
Wenn ein Mensch mit Autismus nicht umarmt oder berührt werden möchte, ist das kein Zeichen, dass er seine Familie nicht mag. Es bedeutet einfach, dass diese Berührung für diesen Menschen schmerzhaft, unangenehm oder einfach zu viel sein kann.
Wie können wir helfen?
Fragen statt einfach anfassen: Möchtest du eine Umarmung?
Akzeptanz zeigen: Wenn die Antwort NEIN lautet, ist das in Ordnung.
Auf andere Nähe setzen: Sich unterhalten, zusammen basteln oder ein Spiel spielen schafft auch Nähe – ohne Berührung.